Dinkel gilt als das Urgetreide schlechthin – naturbelassen, bekömmlich und deutlich gesünder als herkömmlicher Weizen. Besonders bei Produkten für Kinder setzen viele Eltern auf die vermeintlich bessere Alternative. Doch ein genauer Blick auf die Nährwerttabellen offenbart eine ernüchternde Wahrheit: Auch Dinkelprodukte können echte Zucker- und Salzbomben sein, die mit einem gesunden Kindersnack wenig zu tun haben.
Das Marketing-Versprechen: Dinkel als Synonym für Gesundheit
In den Supermarktregalen stapeln sich Dinkelkekse, Dinkelstangen, Dinkelbrezeln und Dinkelgebäck speziell für Kinder. Die Verpackungen suggerieren durch erdige Farbtöne, Kornähren-Illustrationen und Begriffe wie „natürlich“ oder „wertvoll“ eine besondere Qualität. Eltern greifen guten Gewissens zu, schließlich möchten sie ihren Kindern etwas Gutes tun. Das Urgetreide wird seit Jahren als nährstoffreich, mineralstoffhaltig und leichter verdaulich angepriesen – ein Image, das die Lebensmittelindustrie geschickt für ihre Zwecke nutzt.
Dieses positive Image führt jedoch zu einem gefährlichen Trugschluss: Viele Verbraucher gehen automatisch davon aus, dass ein Produkt mit Dinkel grundsätzlich gesünder ist als vergleichbare Artikel aus Weizen. Diese Annahme ignoriert komplett die Tatsache, dass nicht das Getreide allein über den Nährwert entscheidet, sondern die gesamte Rezeptur. Statt Weizentoast einfach durch Dinkeltoast zu ersetzen, bringt kaum einen ernährungsphysiologischen Vorteil, wenn die übrigen Zutaten und die Verarbeitung identisch bleiben.
Zucker versteckt sich hinter vielen Namen
Bei der Analyse von Kinderprodukten aus Dinkel zeigt sich ein besorgniserregendes Muster: Der Zuckergehalt liegt häufig zwischen 20 und 35 Gramm pro 100 Gramm – teilweise sogar darüber. Das entspricht bei manchen Produkten mehr als sechs Würfelzuckern auf eine Kinderhand voll Kekse. Ein einzelner Snack kann damit bereits einen erheblichen Teil der empfohlenen Tagesmenge an freiem Zucker ausschöpfen oder überschreiten.
Besonders tückisch: Zucker taucht auf der Zutatenliste in verschiedensten Varianten auf. Glukosesirup, Invertzuckersirup, Maltodextrin, Gerstenmalzextrakt oder Traubensüße klingen für viele Verbraucher weniger alarmierend als das Wort „Zucker“, sind aber letztlich genau das. Durch diese Aufsplitterung rutscht Zucker in der Zutatenliste nach hinten, während mehrere süßende Komponenten einzeln aufgeführt werden. Würde man alle Zuckerarten zusammenzählen, stünde Zucker oft an zweiter oder sogar erster Stelle der Zutaten.
Natürlicher Zucker als Irreführung
Manche Hersteller werben damit, dass ihre Dinkelprodukte mit Fruchtsaftkonzentrat oder Trockenfrüchten gesüßt sind. Das klingt natürlich und gesund, ändert aber nichts am hohen Zuckergehalt. Für den Körper macht es kaum einen Unterschied, ob der Zucker aus Apfelsaftkonzentrat oder raffiniertem Zucker stammt – die Auswirkungen auf Blutzuckerspiegel und Zahngesundheit bleiben vergleichbar.
Salz: Der unterschätzte Risikofaktor bei Kindersnacks
Während Zucker zunehmend in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit rückt, bleibt Salz oft unbeachtet. Dabei liegt der Salzgehalt bei herzhaften Dinkelprodukten für Kinder häufig zwischen 1,5 und 2,5 Gramm pro 100 Gramm. Eine kleine Tüte Dinkelstangen oder -brezeln kann bereits ein Drittel bis die Hälfte der für Kinder empfohlenen Tageshöchstmenge liefern.
Ein übermäßiger Salzkonsum in jungen Jahren prägt die Geschmacksvorlieben langfristig und erhöht das Risiko für Bluthochdruck im späteren Leben. Besonders problematisch: Viele Kinder konsumieren bereits durch Hauptmahlzeiten, Brot und andere verarbeitete Lebensmittel deutlich mehr Salz als empfohlen – Snacks kommen dann noch obendrauf.
Warum Dinkel allein keine Garantie für Qualität ist
Bei unverarbeitetem Dinkelkorn zeigen sich tatsächlich leicht höhere Werte bei Eiweiß, Magnesium und Zink im Vergleich zu Weizenkorn. Diese Unterschiede sind jedoch minimal und spielen in der Praxis kaum eine Rolle. Ernährungsexperten stellen klar: Durch den etwas höheren Eiweißanteil im Dinkel steigt der Blutzuckerspiegel zwar ein klein wenig langsamer an, der Unterschied in den Nährwerten ist allerdings nicht signifikant genug, um darauf eine gesunde Ernährungsweise aufzubauen.

Hinzu kommt ein entscheidender Punkt: Diese minimalen Vorteile gelten nur für das unbehandelte Korn. Nach der Verarbeitung zu Mehl sieht das schon wieder ganz anders aus. Viele Dinkelprodukte werden aus hellem Dinkelmehl hergestellt, bei dem die nährstoffreichen Randschichten des Korns entfernt wurden. Während Dinkel-Vollkornmehl etwa 8,3 Gramm Ballaststoffe pro 100 Gramm enthält, weist helles Dinkelmehl nur 3,9 Gramm auf. Bei normalen Dinkelprodukten ohne Vollkornanteil liefern diese genauso viele Kalorien wie Weizenprodukte und sogar etwas weniger Ballaststoffe. Dinkel hält also nicht länger satt als Weizen.
Ein Dinkelkeks mit 30 Prozent Zucker ist ernährungsphysiologisch nicht wertvoller als ein vergleichbarer Weizenkeks – eher im Gegenteil, denn das gesunde Image verleitet zu häufigerem und bedenkloserem Konsum. Die genauen Nährwerte variieren je nach Sorte und Verarbeitungsmethode, weshalb die Getreidesorte allein kein Qualitätsmerkmal darstellt.
Wie Eltern die Spreu vom Weizen trennen können
Der Schutz vor unausgewogenen Dinkelprodukten beginnt mit kritischem Hinterfragen der Werbebotschaften. Ignorieren Sie Frontaufdrucke wie „mit wertvollem Dinkel“ oder „natürliche Zutaten“ und konzentrieren Sie sich auf die Nährwertangaben. Achten Sie besonders auf den Zucker- und Salzgehalt pro 100 Gramm. Als Faustregel gilt: Produkte mit mehr als 15 Gramm Zucker oder mehr als 1 Gramm Salz pro 100 Gramm sollten die Ausnahme bleiben.
Die Zutatenliste verrät mehr als jedes Werbeversprechen. Je kürzer sie ausfällt, desto besser. Wenn Zucker in seinen verschiedenen Formen mehrfach auftaucht, ist Vorsicht geboten. Ideal sind Produkte, bei denen Dinkel-Vollkornmehl an erster Stelle steht und maximal drei bis fünf weitere Zutaten folgen. Vollkorn schlägt Auszugsmehl, weil Schale und Keim deutlich mehr Nährstoffe enthalten.
Hersteller geben Nährwerte manchmal pro Portion an, wobei diese Portionen unrealistisch klein bemessen sind. Rechnen Sie die Werte auf die tatsächlich verzehrte Menge hoch, um ein realistisches Bild zu erhalten. Was auf den ersten Blick nach akzeptablen 8 Gramm Zucker pro Portion aussieht, entpuppt sich schnell als 25 Gramm, wenn das Kind die halbe Packung isst.
Alternative Snackoptionen für Kinder
Statt auf industriell verarbeitete Dinkelprodukte zu setzen, lohnt sich der Griff zu weniger verarbeiteten Alternativen. Selbstgebackene Dinkel-Vollkornkekse mit reduziertem Zuckergehalt, Dinkel-Vollkornbrot mit Frischkäse oder Gemüsesticks mit Dip bieten mehr Nährstoffe bei deutlich weniger Zucker und Salz. Nur die Vollkornvariante – ob bei Dinkel oder Weizen – ist nachhaltig sättigend und wirklich nährstoffreich.
Auch ungesüßte Dinkel-Puffs oder reine Dinkel-Vollkorncracker ohne Salzzusatz können eine Option sein, wenn Kinder zwischen den Mahlzeiten etwas knabbern möchten. Kombiniert mit frischem Obst oder Nüssen entsteht ein ausgewogener Snack, der Energie liefert, ohne den Blutzuckerspiegel in die Höhe schnellen zu lassen.
Die Verantwortung liegt bei allen Beteiligten
Die Lebensmittelindustrie nutzt gezielt die Verunsicherung und das Gesundheitsbewusstsein von Eltern aus. Produkte werden als kindgerecht und wertvoll vermarktet, während die Rezepturen ernährungsphysiologisch bedenklich bleiben. Eine transparentere Kennzeichnung und freiwillige Reduzierung von Zucker und Salz wären wichtige Schritte. Solange diese ausbleiben, liegt es an den Verbrauchern selbst, durch bewusste Kaufentscheidungen Druck auszuüben.
Das Dinkel-Image sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Qualität eines Lebensmittels von der Gesamtrezeptur abhängt. Kritisches Hinterfragen, genaues Lesen der Nährwertangaben und eine gesunde Skepsis gegenüber Marketingversprechen sind die wirksamsten Werkzeuge für einen bewussten Einkauf. Nur so lassen sich Produkte finden, die dem Anspruch an eine ausgewogene Kinderernährung wirklich gerecht werden.
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